re:publica 2018: Realität von Algorithmen und Quoten

Wir fahren im Auto durch Brandburgs Dörfer (Stau auf der Autobahn), und der Nachrichtensprecher im Radio kündigt die dreitägige "Internetkonferenz" in Berlin an, die heute beginnen soll. Vor 12 Jahren als kleine Blogger- und Nischenkonferenz gestartetet, hätte man von so einer Meldung im "Mainstream"-Analogmedium wohl nicht mal zu träumen gewagt. 

Realität

Heute also Realität. Und auch die über 9000 Besucher aus aller Welt, die hierher in die STATION in der Mitte von Berlin pilgern. Wir sind zwar trotz 100 Meter langer Schlange (sic!) am Einlass pünktlich, aber aus der Keynote über die Manipulation von algorithmen-basierten Systemen kann ich trotzdem nicht viel mitnehmen, weil es mal wieder so voll ist, dass ich im Gang in einer Traube von Menschen stehe und vom schnell gesprochenen Englisch und den Folien nur die Hälfte mitbekomme. Immerhin ist mir noch die Frage im Kopf, warum bei Google Image Search und dem Suchwort Baby eigentlich 99% der Bilder weiße Babies zeigen. Ja, warum eigentlich?

Danach begebe ich mich in eine Podiumsdiskussion über Identitymananagement mit der Blockchain, wo ich erstmal denke: Warum nicht? Die Blockchain ist per Design eine dezentrale Datenbank, und dieser Anwendungsfall kann diesen Umstand vielleicht sinnvoll nutzen (bei einigen anderen hatte ich da in der Vergangenheit leisen Zweifel). In der Diskussion lerne ich, dass es eine bestehende Initiative Namens Sovrin gibt, die hier schon Ergebnisse zeigen kann, die sogar quelloffen (aka OpenSource) sind. Und in der weiterhin wohl auch die Deutsche Telekom engagiert ist, wenn ich das richtig verstanden habe. Im Laufe der Diskussion wird noch angesprochen, dass man bei der Implementierung schon darauf achten muss, dass Privacy-Features wie "das Recht auf Vergessen" (auch Teil der GDPR) beachtet werden. Denn inherenter Teil der Blockchain ist ja erstmal, dass sie eben nichts vergisst, also kein Block im Nachhinein gelöscht werden kann.

Nach einem kurzen Imbiss springe ich direkt in einen Vortrag über die Zukunft des Autonomen Fahrens und die ethischen und kulturellen Implikationen, was erstmal nicht viel neues für mich bringt, aber mindestens ganz unerhaltsam gestaltet ist. Eine These war, dass gute Sience Fiction nur dann gut ist, wenn sie auch die zukünftigen Varianten von Stau und Knöllchen abbildet. Zurückgedacht an unsere Anreise durch die Dörfer Brandenburgs wäre das wohl ein sehr dystopischer Science Fiction Streifen.

Quoten

Danach bin ich mehr oder weniger zufällig im Vortrag von Laura S. Dornheim (@schwarzblond) über Frauenquoten in Tech-Berufen, was mich in den letzten Jahren immer wieder beschäftigt. Sei es auf unseren eigenen Konferenzen wie dem DevDay Dresden oder der Diversität in unserem eigenem Engineering-Team. Wie können wir es schaffen, dass wir mehr Frauen für technische Profile gewinnen? Laura hat darauf viele Antworten, und ich hoffe dass der Umstand, dass ich in den ersten vier Reihen mit fast ausschließlich Frauen sitze, nicht ein schlechtes Zeichen ist, mal wieder. Mein Problem ist, dass alle Maßnahmen die wir auf der Arbeitsebene finden können nur sehr langsam wirken (und ich so ungeduldig bin), und so wird auch im Vortrag für diejenige Maßnahme geworben, die am schnellsten wirkt: Quoten. Zum Beispiel in Führungsebenen (als positives Beispiel wird SAP und die Deutsche Telekom genannt), denn damit erzeugen wir sofort Sichtbarkeit der weiblichen Vorbilder. Ich finde alles nachvollziehbar und kaufe mir direkt beim Online-Buchhändler das von Laura zitierte Buch von Iris Bohnet mit dem Titel "What works: Wie Verhaltensdesign die Gleichstellung revolutionieren kann". Ich bin also gespannt, was zusätztlich noch funktioniert.

In Zukunft Suchen

Die re:publica besuche ich auch deswegen seit Jahren, weil ich hier Speaker im Gespräch erleben kann, die ich sonst nur vom Hörensagen kenne. Wie Pandu Nayak, der Vice President der Search bei Google. Er war in einem Gespräch mit der Aktivistin Lorena Jaume-Palasí, um über die Funktionsweise der Suche und der Haltung dahinter Auskunft zu geben. Erstmal betont der Google Manager, dass seit 20 Jahren der Nutzer im Fokus steht (überraschend: die machen also schon Customer Centricity ohne das das jemand so genannt hat!). Nayak argumentiert, dass die Nutzer Suchergebnisse mit einer höheren Diversität mehr akzeptieren, was wiederum dazu führt das Google schon allein deswegen in den Suchergebnissen diese Diversität auch abbilden muss. Was mich wieder zur Frage nach der Baby-Suche aus der Keynote bringt: Wie kommt es dann also zu diesem sehr eindimensionalen Ergebis? Weiterhin verweist er zur genauen Funktionsweise der Search auf die öffentliche Rater Guideline von Google, einem 160-Seiten starken Dokument, das die bezahlten Tester (aka Rater) von Google instruiert, was beim Bewerten der Ergebnisqualität zu beachten ist. Tatsächlich kommen dort auch die Schlüsselkriterien zur Bewertung von Webseiten zur Sprache, nämlich Revelance und Authority. Ergebisse aus offiziellen Quellen (Authority) wurden und werden bei Google von Anfang höher bewertet, was damals ein Alleinstellungsmerkmal war, auch spannend. Weiterhin nehme ich mit, dass ein Manager von Google (von Google!) felsenfest davon überzeugt ist, dass man Fake News und Misinformation nicht mit Deep Learning Algorithmen von faktenbasierten Nachrichten unterscheiden kann. Oha!

Mit dem Default-Vortrag von Sascha Lobo (von dem ich wieder beeindruckt bin) endet dann später mein erster Tag auf der re:publica. Atmosphärisch und inhaltlich finde ich alles gelungen. Ich bemerke bei mir jedoch eine zunehmende Skepsis, wenn ich in einem Saal regelmäßig mindestens 50% des Auditoriums auf ihr digitales Endgerät starren sehe. Führt diese ständige Gleichzeitigkeit von allem, von Konsumieren, Senden, Bewerten, Antworten, Kommentieren und Liken am Ende nicht dazu, dass wir uns alle nur noch halb oder viertelst mit Dingen beschäftigen und damit auseinandersetzen? Und uns dadurch ständig die Tiefe fehlt, die aber wichtig für die von Lobo geforderte Redlichkeit ist (aka Sachverstand)? Ich selbst habe auch gar keine Lust mehr, mich in den nicht enden wollenden Stream unter dem Hashtag #rp18 einzureihen, wo alles gesagt ist, und meistens auch von allen. Und mit der Überlegung, ob das nicht vielleicht auch genau gut so und ein besonderer Wert ist, gehe ich zu den Getränken und den Kollegen

 

 

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